Sinnhaftigkeit und Leidenschaft

ein Interview mit Nino Kehrer

Flug-Kapitän bei der DRF Luftrettung

Jahrgang 1965, verheiratet, 2 Kinder, ehemaliger Luftwaffenpilot, 10000 hrs Flugerfahrung gesamt, treibt gerne Sport (Fußball, Radfahren, Joggen), Motorradfahrer.

Portrait Nino Kehrer
© Nino Kehrer
Nino Kehrer

Sie sind Pilot bei der Luftrettung, sprich: Sie haben an Bord eine fliegende Intensiv-Station, mit der Sie erkrankte Personen aus dem Ausland zurück nach Deutschland bringen. Warum haben Sie diesen schwierigeren Weg gewählt, anstatt z.B. als Linienflug-Kapitän tätig zu sein?

Mein fliegerischer Weg begann bei der Luftwaffe gleich nach dem Abitur, ich wollte schon recht früh in die Fliegerei, wobei die militärische Schiene definitiv die interessantere war. Nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst stellte sich die Frage, was ich mit meiner Ausbildung im Zivilleben anfangen kann. Ich erwarb die notwendigen Lizenzen, um mich entsprechend bewerben zu können. Linienfliegerei stellte ich mir weiterhin nicht spannend vor, zu viele klar strukturierte Vorgänge. Da kam es sehr gelegen auf alte Kontakte zurückgreifen zu können, mit Hilfe derer ich dann eine Anstellung bei der heutigen DRF Stiftung Luftrettung erzielen konnte. Wir fliegen weltweite Rückholung von Patienten, wissen heute nicht, wohin wir morgen fliegen, viele Variablen, die einen Einsatz bestimmen und am Ende alles zum Ziel führt, nämlich den Patienten sicher und zeitgerecht zu verlegen, damit dieser schnellstmöglich wieder zu Kräften kommt.
Dieser Zweck hat mehr Sinnhaftes, als Geschäftsleute oder Touristen durch die Welt zu fliegen, bekommen die Betroffenen im Regelfall in den einzelnen Gebieten doch nicht immer eine adäquate Versorgung!


Wie sind Sie dazu gekommen? Was würden Sie (werdenden) Piloten empfehlen, die sich auch für eine solche Position interessieren?

Das Interesse an der Fliegerei war schon früh ausgeprägt. Vor meiner Bewerbung bei der Bundeswehr hatte ich noch nie in einem Flugzeug gesessen, geschweige denn eines geflogen … . Fliegen kann einfach auch nur ein Job sein, bei mir war es aber immer Passion. Genau das, so glaube ich, muss man mitbringen, um die hohen finanziellen Belastungen, die ein Ausbildung auf dem herkömmlichen Weg mit sich bringt, auszuhalten. Zielstrebig seinen Weg gehen, trotzdem teamfähig sein. Die Abwechslung durch die Kurzfristigkeit der Einsätze, innerhalb der Bereitschaftszeit auf Abruf zu sein und Stunden später dann einen Einsatz mit Übernachtung durchzuführen, hat etwas Besonderes, muss man mögen und sich drauf einlassen können. Wer es strukturierter/koordinierter braucht, sollte etwas anderes machen. Weiterhin ist das Flugzeug sehr eng, sich die Füße mal zu vertreten, wie das in großen Flugzeugen der Fall ist, geht bei uns nicht. Und eine Bordtoilette gibt es auch nicht … .

Wie ist die DRF Luftrettung organisiert und finanziert?

Die DRF Luftrettung besteht aus einem gemeinnützigen Förderverein, einer Stiftung des bürgerlichen Rechts und einer gemeinnützigen AG. Zur Finanzierung tragen die über 400.000 Fördermitgliedschaften im DRF e.V. entscheidend bei. (Siehe DRF Luftrettung)
Fördermitgliedern wird die Rückholung aus dem Ausland versprochen, wenn dies medizinisch indiziert ist. Dafür hält die DRF Luftrettung die beiden Learjets vor.
Da nicht alle Mitglieder im Urlaub sind und dann auch noch erkranken, werden auch medizinische Flüge an Versicherungen verchartert.

 

Während des Fluges: Blick auf die Tragfläche des Learjet der DRF Luftrettung
© Bianka Kaspar
Unerwartet ruhiger Flug im kleinen Learjet


Wie sieht eine ‘normale‘ Arbeitswoche bei Ihnen aus? Was ist der wesentliche Unterschied von Ihrer Arbeit zu der eines Linienflug-Kapitäns?

Wir haben einen festen Dienstplan im Monat, der im Regelfall aus 5-Tage-Blöcken besteht. Dies ergibt sich aus der maximal zulässigen wöchentlichen Dienstzeit, die bei 60 Stunden liegt. Da unsere Einsätze selten weniger als 10-11 Stunden betragen, haben wir es so strukturiert, damit wir nicht umplanen und kurzfristig mit einer neuen Crew besetzen müssen. Dadurch ergeben sich ca. 20 Diensttage, wie gesagt wir fliegen 24/7.
Wir befinden uns in dieser Zeit auf Rufbereitschaft. Wann immer dann ein Einsatz folgt, fahren wir zum Dienstort und bereiten den Einsatz vor. Das ist der gravierendste Unterschied zur Linie, die ja an feste Zeiten gebunden sind, den Ablauf schon weit im Voraus kennen, auch wo sie übernachten.
Neben der Fliegerei sind aber auch Bürodienste notwendig, um die Belange und Forderungen der Behörden umzusetzen oder Audits durchzuführen. Wiederkehrende Schulungen müssen entsprechend abgehalten werden, z.B. Crew Ressource Management.


Was sind sonst noch Ihre Aufgaben jenseits des Flugbetriebs? Sie waren kürzlich z.B. in die Vorbereitungen für die Zulassung eines neu erworbenen Learjets involviert.

Wir müssen uns mit den vielfältigsten Dingen beschäftigen, so bin ich auch für die Schulung der Besatzungen des Learjets verantwortlich. Weiterhin bin ich Teil des Sicherheitsgremiums und arbeite Fälle des Flächenflugbetriebes ab. Ich unterstütze den Flottenchef Flugzeuge bei seiner Arbeit (z.B. fliegerische Dokumentation/Hard- und Softwaregeschichten der verschiedenen Tools die wir nutzen/Änderungen des Betriebshandbuches).
Wenn ein Flugzeug erworben wird, muss es auf unsere Belange umgebaut werden, Sauerstoffanlage für den Patient, Base Unit mit Stretcher, Halterungen für medizinische Geräte als Beispiel. Am Ende steht die flugbetriebliche Abnahme durch das LBA. Das ist recht aufwendig.


Vermutlich dürfen Sie größere Dankbarkeit der Passagiere erwarten, als bei einem regulären Flug … . Wieviel wissen Sie vorab über die Patienten? Erfahren Sie später noch, wie es den Patienten weiter ergangen ist oder ist der Kontakt mit der sicheren Landung und der Übergabe an den wartenden Krankentransport vorbei?

Wir wissen im Regelfall zumindest die medizinische Geschichte des Patienten. Die DRF Luftrettung muss ja klären, ob der Patient überhaupt verlegefähig ist und wenn ja, unter welchen Umständen. Dazu gibt es auch vor dem Abflug ein Briefing aller Beteiligten. Ein Großteil unserer Patienten ist in schlechtem Zustand, teils intubiert und beatmet. Bei dem anderen Teil hören wir ab und an ein positives Feedback, auch per E-Mail oder Post: Endlich war jemand da, der einem geholfen hat. Danach läuft der Patient wieder aus der Betrachtung, selten ist bekannt, was aus dem Fall wurde.

 

Im Cockpit: Flugkapitän Nino Kehrer im Learjet der DRF Luftrettung
© Nino Kehrer
Flugkapitän Nino Kehrer unterwegs in wichtiger Mission


Ist Ihnen ein Flug besonders in Erinnerung geblieben? Gibt es einen Flug, den Sie nicht machen würden?

Grundsätzlich sind die Flüge alle besonders, die Langstreckenflüge wie nach Südafrika oder nach Las Vegas bleiben haften.
Eigentlich gibt es keinen Flug, den ich nicht machen würde, aber meine Betrachtung ist da nicht so maßgebend. Das Unternehmen legt fest, dass wir z.B. nicht in Kriegsgebiete fliegen, sowie es auch festlegt, dass bestimmte Infektionsfälle nicht geflogen werden. Da unser Unternehmen sich die höchsten Qualitäts- und Sicherheitsstandards auf die Fahne geschrieben hat, bin ich als Kapitän für eine sichere Durchführung des Einsatzes verantwortlich. Und ja, da gibt es Flüge, die ich nicht durchführen würde, wenn sie nämlich nicht sicher sind und die uns auferlegten Regeln nicht eingehalten werden können.


Sie haben in Ihrem Learjet viele medizinische Geräte an Bord, die während des Flugs einwandfrei funktionieren müssen und gleichzeitig natürlich nicht die Technik im Cockpit stören dürfen. Wie wird das gewährleistet?

Die medizinischen Gerätschaften, die wir im Flugzeug verwenden, sind daraufhin vom Hersteller geprüft. Unsere Technik ist für die Verkabelung und den Anschluss zuständig und holt Genehmigungen ein, soweit erforderlich.


Ihre Flüge finden ausschließlich in Bezug auf medizinische Notfälle statt. Das bedeutet auch immer eine kurzfristige Routenplanung und unbekannte Flughäfen. Eine zusätzliche Herausforderung für Sie und Ihren Co-Piloten?

Unsere Einsatzzentrale, die hier in Rheinmünster im selben Gebäude sitzt, ist mit der Vorbereitung des Einsatzes betraut.
Für uns als „Kutscher“ ist es wichtig, die Flugplanung zu überprüfen: ist der Flugplatz anfliegbar, wie ist das Wetter, gibt es Ausschlüsse, warum wir dort nicht anfliegen können. Ist richtig getankt, stimmt die Verteilung des Gewichts, bekommen wir Sprit, was ist mit dem Ausweichflugplatz, haben wir Einfluggenehmigungen vorliegen etc.
Sollte es ein besonderer Flugplatz sein oder einer, den man noch nicht angeflogen hat, muss sich die Besatzung vorher selbst einweisen, dazu nutzen wir ein detailliertes Formblatt.


Sie wissen kaum länger als eine Woche im Voraus, wohin die nächsten Flüge gehen werden. Wie organisieren Sie sich unter dieser Voraussetzung Ihr Privatleben?

In dem Flugblock bin ich auf Abruf. Das weiß auch meine Familie. Für wichtige Dinge oder Termine nehme ich Urlaub oder muss diese dann kurzfristig verschieben. Auch kann es sein, dass ich in der Bereitschaftszeit mehrmals übernachte und nicht zuhause bin. Da trägt meine Frau die Hauptlast in der Familie, mittlerweile nicht mehr das Thema, da die Jungs schon groß sind, aber früher war das schon eine Belastung. Die Verwandtschaft wohnt auch nicht vor Ort.

 

Blick aus dem Cockpit des Learjet
© Nino Kehrer


Was macht für Sie die Faszination aus? Fliegen Sie auch privat?

Es ist die Abwechslung, die den Beruf ausmacht. Auch, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel sehen zu können, sowie innerhalb kürzester Zeit an anderen Orten der Welt sein zu können. Alles habe ich aber auch noch nicht gesehen.
Nein, privat fliege ich nicht. Ich verbringe meine Freizeit mit meinen Hobbies (z.B. Motorrad fahren, sportliche Betätigung wie Radfahren, Volleyball, Fußball, Joggen), muss mich nach langen Einsätzen auch mal bewegen.


Als Autofahrer ist man oft ein schlechter Beifahrer. Wie ist das bei Ihnen mit dem Fliegen, wenn Sie z.B. in den Urlaub geflogen werden?

Damit habe ich keine Probleme. Ich kenne die Ausbildung und Schulung der Besatzungen. Die versuchen ihr Bestes, besonders in Europa bzw. USA. Im Busch oder in Teilen Afrikas hätte ich deutlich mehr Bedenken.


Könnten Sie sich persönlich auch vorstellen, den Learjet von Prominenten oder Firmen zu fliegen?

Grundsätzlich ja, interessanter ist mit Sicherheit der Ambulanzflugbetrieb.


Was wären Ihre weiteren Interessen/die Alternative gewesen, wenn es mit dem Beruf des Piloten nicht geklappt hätte?

Hatte ich mir damals keine Gedanken gemacht, mir war ja klar, dass alles seinen Weg geht.


Sie haben einen sehr verantwortungsvollen Beruf. Wie tanken Sie dafür Energie bzw. entspannen Sie?

Viel Bewegung und soziale Kontakte, mein soziales Umfeld ist mir sehr wichtig. Daher bin ich froh, in der Nähe des Flugplatzes Karlsruhe/Baden heimisch geworden zu sein.

 

Nino Kehrer auf Motorrad-Reise zum Lago Maggiore: im Hintergrund der Wasserfall „Cascata del Toce“
© Nino Kehrer
Entspannung vom verantwortungsvollen Beruf
bei einer Motorrad-Reise zum Lago Maggiore:
Stopp beim Wasserfall „Cascata del Toce“


Sind Sie froh über den jetzigen Stand der Technik oder wäre es für Sie faszinierend gewesen, das Fliegen mitzuentdecken/zu entwickeln?

Wir fliegen ein älteres Flugzeug, das nicht vergleichbar ist mit dem der neuesten Generation. Für mich ist wichtig, dass es funktioniert. Unsere Technik ist hier vor Ort und wartet die Flugzeuge optimal. Ich habe eine erstklassige fliegerische Ausbildung bekommen, die mir hilft, einen sicheren Flug durchzuführen.
Wenn man heute die Unfälle der neuesten Flugzeuge betrachtet, möchte ich eher weniger Technik und Computer, die in die Steuerung des Flugzeugs eingreifen. Information ist gut, aber nicht im Überfluss, denn damit geht das Gesamtbild verloren.
Die Pionierzeiten der Fliegerei waren faszinierend, aber auch tödlich. Da ist mir die heutige Zeit lieber.

© Bianka Kaspar
2021

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