Zwei Frauen allein in Afrika

Der Südwesten Afrikas – im Mietwagen 3.000 km von Windhoek aus über einsame Autobahnen, staubige Sandpisten und durch eines der größten Wildreservate des Kontinents.

 

Der Hosea Kutako International Airport von Windhoek ist für meine Mutter und mich das Tor ins Reich der wilden Tiere. 15 Tage auf eigene Faust unterwegs in den Weiten dieses großen, dünn besiedelten Landes mit faszinierenden Landschaften und Spuren der Geschichte liegen vor uns. Ein Abenteuer kann beginnen!

 

 

Unterwegs in Namibia.
© Bianka Kaspar
Unterwegs in Namibia.

 

 

Auch wenn es schon eine ganze Weile her ist, seit Namibia "Deutsch-Südwestafrika" war, so finden sich doch immer noch Straßenschilder mit Namen wie z.B. Bahnhof-, Lazarett-, Mozart- oder Nachtigallstraße. Auch kann man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die dunkelhäutige Bäckerin im Supermarkt nebenan Deutsch versteht.

 

 

Katzen-Fütterung auf Afrikanisch

 

Unser erster Ausflug führt uns auf eine nahe Windhoek gelegene Gästefarm, wo wir den namibischen Wildhüter auf der Fütterungsfahrt zu den gefleckten Großkatzen begleiten. Zuerst sehen wir nur die typisch afrikanischen Bäume und hohes gelbes sonnenverbranntes Gras, das sich im warmen Wind wogt. Doch dann sind sie plötzlich da. Vier Geparde umrunden unseren offenen Safariwagen. Mein Finger drückt den Auslöser fast so schnell, wie mein Herz schlägt. In etwa zwei Metern Entfernung tummeln sich die grazilen Raubkatzen – kein Zaun, keine Glasscheibe dazwischen! Den schnellsten Vierbeinern dieser Erde entfährt inzwischen ein ungeduldiges Fauchen, bis sie endlich mit ihrer Fleischration abziehen können und ihre Silhouette wieder mit der Umgebung verschmilzt.

 

 

Gepard
© Bianka Kaspar
Gepard

 

 

Anschließend fahren wir in das Reich des Leoparden. So gut getarnt, dass man ihn zuerst kaum entdecken kann, lässt uns dieser keinen Moment aus den Augen. Er scheint kurzfristig unentschlossen, ob er sich eher der ’Beute’ auf dem Baum oder uns Touristen zuwenden soll. Der wieder angelassene Automotor lässt ihn sich dann aber doch für den Baum entscheiden. Unüberhörbar schlägt der Leopard seine Krallen in die Rinde. Das Tempo, mit dem die große Raubkatze auf den Baum klettert, lässt keinen Zweifel an ihrer enormen Kraft.

 

 

 

Leopard

© Bianka Kaspar
Leopard

 

 

Auf der Schotterpiste zurück zur Hauptstraße begegnen uns Gnus und Oryx-Antilopen mit ihren langen degenartigen Hörnern. Erst langsam wird es begreiflich, dies hier ist kein Wildpark, sondern das ungezähmte Afrika, die natürliche Umgebung und Heimat all dieser faszinierenden Tiere.

 

 

Swakopmund – zwischen Atlantik und Wüste

 

Drei Augenpaare beobachten uns, als wir am nächsten Morgen in Richtung Swakopmund aufbrechen. Die Fuchsmangusten wärmen sich gerade in der Morgensonne an der Hauswand unserer Pension und warten geduldig auf ein paar Leckereien der Hotelbesitzer. Die Dame bei der Autovermietung warnt uns vor, dass jetzt auf der Autobahn viel Verkehr sein würde. Swakopmund sei auch ein beliebtes Sommerziel der Windhoeker. So stellen wir uns schon 'mal auf mögliche Staus ein. Und ... - für namibische Verhältnisse - ist es wohl auch schon recht viel, dass uns ca. alle 10 Minuten ein anderes Auto auf der vor Hitze flirrenden Teerstraße begegnet. Je weiter wir nach Westen kommen, desto karger wird die Vegetation. Die Ausläufer der Wüste Namib sind nicht mehr zu übersehen.

 

 

Fuchsmangusten in Windhoek.
© Bianka Kaspar
Fuchsmangusten in Windhoek.

 

 

Unser Gastgeber im Strandbad Swakopmund ist ein Schweizer Hotelier mit seinem südafrikanischen Berner Sennenhund, der die Heimat seiner Vorfahren noch nie gesehen hat. Schnell stellen wir fest, dass die 2,5 geplanten Tage zu kurz sind, um alles zu sehen, was die kleine Stadt am Atlantik und die Umgebung an Sehenswürdigkeiten zu bieten haben: das Aquarium, die Crystal Gallery, etliche denkmalgeschützte Gebäude aus der Zeit bis 1910, einen Crafts Market, die hohen Dünen der Namib-Wüste, Salzpfannen, die ältesten Pflanzen der Welt und weiter nördlich eine Robbenkolonie.

 

 

Dünen der Namib.
© Bianka Kaspar
Dünen der Namib.

 

 

An der geschäftigen Promenade zwischen weiß-rotem Leuchtturm, Palmen und Meer treffen wir auf Ricky: ein junges Maltalent, über den auch schon die lokale Presse berichtet hat, wie die Zeitungsausschnitte wissen lassen, die zwischen den auf der flachen Mauer ausgestellten Bildern liegen. Obwohl er, wie er uns erzählt, noch nie sein Land bereisen konnte, so lässt er doch in beeindruckender Geschwindigkeit und auf einfachem weißen Papier mit Hilfe schwarzer Filzstifte namibische Landschaften und Tiere von unglaublicher Naturgetreue entstehen.

 

 

Etosha-Nationalpark

 

Wieder zurück an unserem Ausgangspunkt in der 1.655 m hoch gelegenen Hauptstadt Windhoek, beginnt ein paar Tage später unsere 5-stündige Fahrt nach Norden zum Etosha Nationalpark, ein eingezäuntes Stück Wildnis von der Größe Hessens. Dort übertrifft bereits der 1. Tag alle Erwartungen: Wir begegnen im Schatten dösenden Löwen; Zebraherden und flinken Springböcken, die unseren Weg kreuzen; mächtigen Gnus, die wie Schatten großer Büffel auf der Suche nach Wasser die ausgetrocknete Etosha-Pfanne durchqueren; majestätisch dahinschreitenden Giraffen, die direkt neben uns auf der Piste auftauchen – einfach atemberaubend!

 

© Bianka Kaspar

Zeit und Geduld sind Grundvoraussetzung, um etwas über die Wildtiere zu erfahren. Am Wasserloch lauert die größte Gefahr auf Zebras, Antilopen und andere durstige Vierbeiner. Daher trinkt nie die ganze Herde gleichzeitig. Gleichgültig wie durstig sie selbst sind, es bleiben immer ein oder zwei Tiere etwas abseits. Haben die anderen ihren Durst gestillt, sind die "Wächter" an der Reihe. Anschließend geht die Herde gemeinsam wieder lautlos davon.

 

© Bianka Kaspar

Ein anderes Mal laufen zwei Zebras vor unserem Wagen über die Sandpiste, gefolgt von einem Jungtier, das mitten auf dem Weg stehen bleibt und uns anschaut. Es zögert noch einen Moment, läuft dann wieder zurück zu den zwei ausgewachsenen Zebras, die hinter ihm waren. Darauf geschieht das Unerwartete: Die Zebras, die die Piste schon überquert haben, kommen zurück, um die anderen abzuholen und mit ihnen zusammen die Straße zu passieren! Sekunden später sind sie alle im Dickicht verschwunden.

 

Am dritten Tag heißt es Abschied nehmen, was uns nicht ganz leicht fällt. Ein letztes Mal sitzen wir in unserem Auto bei einem Wasserloch und können uns kaum von dem Schauspiel der dort vorbeiziehenden Tiere losreißen.

 

 

Zimmer mit Aussicht

 

Als Zwischenstation auf dem Weg zurück nach Windhoek haben wir in der Mount Etjo Safari Lodge reserviert, die wir von der Autobahn aus über 40 km gut befahrbare, breite Sandpiste erreichen.

Kurz vor dem Ziel scheint sich am Wegesrand eine Gruppe Perlhühner einen Spaß daraus zu machen, sich mit uns ein Wettrennen (!) zu liefern. Die Erkenntnis, dass wohl wir gewinnen würden, lässt sie schnell quer vor unser Auto laufen. Zum Bremsen gezwungen können wir so beobachten, wie sich die Vögel ihrer Flügel erinnern und davonflattern.

 

 

© Bianka Kaspar

Wie es sich für die gastfreundlichen Bewohner dieses Landes gehört, werden wir schon vor dem Tor zur Lodge begrüßt. Allerdings nicht von Mitarbeitern, sondern vom hauseigenen Flusspferd, das uns aus einem kleinen See entgegenprustet. In der schönen Anlage mit Liegewiese und Flamingos ist für uns das Zimmer am Gebäudeende mit Blick auf das Wasserloch vorgesehen.

 

Am gleichen Abend geht's noch zur Löwen-Fütterung. In einem Holz-Lehm-Versteck spähen wir durch die Sichtschlitze, nur wenige Meter von den riesigen Raubkatzen entfernt. Mein Herzschlag setzt schon mal einen Moment aus, wenn die Löwin mit ihrem durchdringenden Blick von ihrer Beute zu uns aufschaut – offensichtlich genau wissend, dass sich hier irgendwelche anderen Lebewesen befinden. Welch markerschütternd laute Stimme diese Tiere haben, dürfen wir noch kurz vor der Rückfahrt zur Lodge erleben, als eines der Männchen der Löwin die Beute streitig macht.

 

Nach all den aufregenden Erlebnissen, genießen wir in der "Boma" – einer Art Open-Air-Restaurant - der Lodge unter sternenklarem Nachthimmel unser köstliches Abendessen und ein kühles Bierchen. Die Laute der afrikanischen Nacht begleiten uns, wie schon an so manchem Tag zuvor, auch hier in den Schlaf.

 

 

 

 

 

Mount Etjo Lodge: Flusspferd in Zwiesprache mit einer Ente.
© Bianka Kaspar
Mount Etjo Lodge: Flusspferd in Zwiesprache
mit einer Ente.

 

 

Nachdem wir die letzten Tage überwiegend im Auto verbracht haben, lassen wir den nächsten Tag ruhig angehen. Wir beobachten das überraschend wendige Flusspferd bei seinem aus Heuballen bestehenden Frühstück und die gelben Webervögel, wie sie unermüdlich in ihre nach unten offenen Nester fliegen und sie wieder verlassen.

 

© Bianka Kaspar

Der Nachmittag ist für den letzten "Game-drive" dieser Reise reserviert. Und endlich treffen wir sie, ohne die eine Afrika-Safari einfach nicht komplett gewesen wäre: Elefanten und Nashörner! Unserem schweigsamen Fahrer ist das geglückt, was der Gruppe vom Vortag nicht vergönnt gewesen war. Er hat in der staubigen Erde ihre Spuren gefunden. Im Windschatten der Breitmaulnashörner vertreten wir uns bei einem kühlen Getränk etwas die Beine. Die kurzsichtigen Kolosse, die sich jetzt ca. 100 m von uns entfernt aufhalten, können uns zum Glück nicht erkennen. Ein leicht mulmiges Gefühl bleibt trotzdem, da sie unablässig in unsere Richtung starren.

 

Mit Blick auf den großen Tafelberg des Waterberg-Plateaus, beginnt am nächsten Vormittag unsere Rückfahrt nach Windhoek – vorbei an meterhohen Termitenhügeln und im Straßengraben entlangrennenden Warzenschweinen durch die immerwährende unendliche Weite in den typisch afrikanischen Rotbraun-Gelb-Tönen.

 

 

Sonnenuntergang an einem Wasserloch.
© Bianka Kaspar
Sonnenuntergang an einem Wasserloch.

 

 

Am Nachmittag checken wir wieder bei dem deutsch-namibischen Ehepaar unserer Pension in Windhoek ein, während Fuchsmangusten und Hauskatze gerade Fangen spielen. Nichts hält uns jetzt mehr, denn der kleine Pool hält ein erfrischendes Bad für uns bereit!

 

In der übersichtlichen Stadt verbummeln wir unsere letzten Tage und schon bevor wir wieder in den metallenen Silbervogel steigen müssen, weiß ich, dass es passiert ist. Er hat mich gepackt, der Afrika-Virus, nein, keine Krankheit, sondern die Sehnsucht, eines Tages wieder in dieses wilde und ursprüngliche Land zurückzukehren.

 

© Bianka Kaspar

2003/2011

 

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